Die Überwindung von steinigen Klüften

Die Überwindung von steinigen Klüften

Die Eltern von Paul Grass warteten Jahrzehnte lang die Georgy-Hütte, die höchstgelegene Bündner Berghütte unterhalb des Piz Languard bei Pontresina. Nach dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Zürich, übernahm Paul allmählich die Funktion des Hüttenwarts und führte diese nach seiner Heirat mit der Künstlerin Adriana Marques während vier Jahren weiter. Diese Arbeit garantierte nicht nur das nötige Einkommen, sondern war auch für das künstlerische Schaffen von Paul sehr wichtig.

„Entweder er ist ein Genie oder er spinnt.“ hatte man schon früh über Paul Grass gesagt. Er begann als selbständiger Bildhauer zu schaffen. Schon vor seiner Heirat mit Adriana hatte er einen Anfall und zerstörte sein aus Gipsplastiken bestehendes Frühwerk fast vollständig. „Ihm gefielen sie nicht, er zog das Schreiben vor und deshalb hat er sie versenkt. Er war immer ein Radikaler. Er hörte weder auf mich noch auf jemand anders.“, hat seine Frau einmal gesagt. Adriana wusste, dass die Zeit auf der Georgy-Hütte für ihn sehr wichtig war und folgte ihrem Gatten überall hin. Da oben in den Bergen wurde der Bildhauer dann zum Dichter, was aber nicht für die Ernährung einer Familie ausreichte. Anscheinend hat Paul bei seinen nächtlichen Auftritten als Poet in Zürich das mühsam verdiente Geld generös ausgegeben, sodass die notorische Geldnot alle ihre späteren Wohnstätten bestimmte.

Adriana sorgte mit Malunterricht alleine für das spärliche Einkommen und ernährte ihre Familie – bis zur Volljährigkeit der beiden Kinder – alleine. Mit 47 Jahren war es dann endlich soweit, dass Paul zum ersten Mal selbst verdiente und sie habe ihm gesagt „Ora tocca a te!“Ab dem Zeitpunkt konnte sie sich ihrer bescheidenen künstlerischen Tätigkeit widmen. Sie weiss, dass sie Künstlerin hätte werden können. Aber ihr Leben wurde bestimmt durch die Ehe mit Paul Grass, dem sie eine künstlerische Freiheit ermöglichte, die sie für sich selbst nie beansprucht hat.

Das einzige Werk, das die beiden Künstler vereint, ist der unveröffentlichte Text „Kleine Prosa eines Hüttenwarts“, zu dem Adriana sieben Farbstiftzeichnungen entworfen hat. Ob Paul Grass und Adriana Marques auf der Georgy-Hütte schon ahnten, dass sowohl die Kunst wie auch das Überwinden von steinigen Klüften in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielen würden?

(Foto: Paul Grass und Adriana Marques / Text: Chasper Pult)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.